Hybrides Arbeiten: Wo Arbeit in Zukunft stattfindet

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Warum Remote Work das Comeback des Jahrhunderts ist

Teaser: Im zweiten Teil „Hybrides Arbeiten: Wo Arbeit in Zukunft stattfindetder Serie, zum Zukunftsthema Hybride Arbeit geht es Arbeitsorte. Mit der Industrialisierung mit 19. Jahrhundert wurde die Arbeit von zu Hause vertrieben und in Fabriken und Büros verlagert. Durch Corona kehrt sie in Hybriden Arbeitsmodellen und Remote Work wieder teilweise nach Hause zurück.

Es ist ein Sommertag im Jahr 1841: im preußischen Berlin hat wieder eine neue Fabrik eröffnet.
An ihrem Tor stehen die neuen Arbeiter, blicken ratlos in die Richtung ihrer beruflichen Zukunft.
Gerade noch waren sie Landarbeiter deren Produkte nun nicht mehr konkurrenzfähig sind oder Handwerker kleiner Betriebe, deren Arbeit der Fabrikproduktion nun nicht mehr gewachsen ist. Hinter dem Tor,
an dieser Schwelle von Agrar- zu Industriegesellschaft erwartet sie nicht nur eine ganz andere Arbeit,
sondern ein radikal anderes Leben. Die Arbeit wurde von Zuhause vertrieben, so fasst der Soziologe Jonathan Beckman das zentrale Element des Epochenbruchs zusammen.
Und heute 180 Jahre später gibt es das große Comeback, die Arbeit kommt wieder zurück nach Hause.

Ein Rückblick in die Welt der Arbeit

Deshalb lohnt es sich zurückzuschauen. Welche verbundene Welt von Arbeit und Zuhause, ließen die Menschen am Fabriktor zurück? Und wie sehr gibt uns das Hinweise für die Zukunft:
Bis dahin lebten und arbeiteten sie im gleichen Gebäude, in ihrer Schmiede, ihrer Mühle, ihrem Hof.
Dieses Zuhause verschmolz mit dem der Nachbarn, mit denen tauschte man, handelte man, verheiratete seine Kinder. Zuhause war, wo sich Wohnen, Gemeinschaft und Beruf überschneiden. Zuhause schliefen alle Wange an Wange, auch Diener und Lehrlinge. Zuhause herrschte reger Verkehr.
Das Konzept Privatsphäre gab es nicht. Und der Begriff Heimatort als Abgrenzung zum Wohnort taucht auch erst 1824 im Wörterbuch auf: Vor der massenhaften Arbeitsmigration in die Städte gab es keinen Bedarf dafür, weil Heimatort und Wohnort (und Arbeitsort!) ja identisch waren.

Dann zogen aber alle in die Stadt, in kleine Baracken ganz nah an die Fabriken, weil dort zunächst alles an eine große Dampfmaschine angeschlossen sein musste, Büros kamen bald dazu.
Wichtig war hier die Umstellung von der bedarfs- zur betriebsorientierten Arbeit: Von den mit wöchentlicher Lohntüte bezahlten Arbeitern kamen die ersten nach der Hälfte des Monats nicht wieder, mehr blieben dann nach der dritten Monatswoche daheim. Sie waren es gewohnt im Monat nur soviel zu arbeiten, wie sie zum Leben brauchten.
Dass dies in Landwirtschaft und Handwerk geht, aber nicht in der Industrie mussten wir erstmal lernen.
Das ist uns sehr gut gelungen, denn heute ist uns die Vorstellung soviel zu arbeiten, wie wir brauchen,
vollkommen abhandengekommen.

Am Tor einer neuen alten Arbeitswelt

Heute ist ein Frühlingstag im Jahre 2021, ratlos stehen viele wieder am Tor zu einer neuen Arbeitswelt.
Es ist das Comeback des Jahrhunderts: was durch die Industriegesellschaft auseinandergerissen wurde, wird durch den Übergang in die Wissensökonomie und den Schub einer Pandemie wieder zusammenkommen: Arbeit und Zuhause. Über die Hälfte der Weltbevölkerung war wegen COVID ins Zuhause versetzt. Die größte Gefahr in turbulenten Zeiten ist aber nicht die Turbulenz, sondern mit der Logik von gestern zu handeln, mahnte der Ökonom Peter Drucker. Vielleicht ist da ausgerechnet die Logik von vorgestern die bessere:

Gibt es eine Rückkehr des Mehrgenerationenlebens, wenn Firmen und Universitäten sich auf remote umstellen und viele aus urbanen Baracken wieder zur Familie ziehen? Andere konnten gerade dies das aufgrund der Reiseeinschränkungen jetzt nicht mehr machen und merkten: So voneinander getrennt möchten wir in Zukunft nicht mehr sein. Gibt es ein Revival von Nachbarschaft?
Der Autor David Brooks nennt den Hyperindividualismus unserer Zeit eine Medizin, die mittlerweile bitterer schmeckt als die Krankheit. Mit ihm befreiten wir uns aus dem miefigen Nachkriegskollektivismus, doch heute brauchen wir neuen Gemeinsinn, statt noch mehr Individualismus.

Erleben wir im neuen Zuhausesein eine fairere Verteilung von Lohn- und Hausarbeit, wenn Männer sich vor letzterem nicht mehr im Büro verstecken können?

Und wie sieht im neuen Arbeitszuhause die Balance zwischen Eigen- und Betriebsbedarf aus?

Eine Zeit die laut Philosophen Byung Chul Han von klassenloser Selbstausbeutung geprägt ist, weil Herr und Knecht beide in einem selbst stecken, muss auch oben genannte die Anekdote mit der Lohntüte neu denken: Wo ziehen wir Grenzen in einer Welt, in der sich quasi nonstop Arbeiten lässt und in einer Corona-Politik, dessen verworrene Regeln sich am besten mit „Alles außer Arbeiten ist verboten“ merken lassen?

Wenn sich der Ort ändert, ändert sich der Sinn der Arbeit

Mittlerweile beginnen viele Organisationen zu verstehen: Die post-pandemische Arbeitswelt ist eine Welt, in der berufliche Identitäten zunehmend fließend und unscharf werden: Wer bin ich in meinem Job und wofür steht meine Firma? An die Stelle der Identifikation mit der Organisation als Ganzes, die sich eben materialisiert hatte an einem Ort und in einem Gebäude, werden nun alternative soziale Realitäten treten, die sich außerhalb des Büros abspielen:
die Rollenidentität, die Projektidentität, die Netzwerkidentität oder auch solche Selbstverständnisse, die auf „dritten Orten“ basieren, wie der Nachbarschaft oder des Coworking-Spaces.

Da Organisationen heute mehr denn je um die Aufmerksamkeit der Fachkräfte als Identitätsobjekte konkurrieren müssen, braucht es neue psychologische Verträge zwischen Mitarbeitenden und Arbeitgebern:
Kann eine Organisation eine engagierte Belegschaft haben, auch wenn die organisationale Identifikation gering oder, genau wie die Arbeitenden selbst, weit verteilt ist? Soll und kann sie eine Pluralität von Identitäten verhindern?

Manager brauchen einen eine neue Haltung

Um damit umzugehen, brauchen Manager eine neue Haltung, um die subjektiven, persönlichen Erfahrungen des einzelnen Mitarbeiters zu verstehen: Wie sich ein Individuum durch die komplexen Arbeitssituationen navigiert, die Mikrodynamiken wie Compassion Fatigue (einer Mitleidserschöpfung, sehr typisch im Gesundheitssektor) und Zynismus zu verstehen, die von gröberen Perspektiven wie Mitarbeiterbefragungen oft oder Jahresgesprächen verborgen bleiben. Wenn sich hier wieder die Arbeitswelt mit der Wohnwelt vermischen, muss ein beiderseitiges Verständnis herrschen:
Was gibt dem Mitarbeiter Energie, was nimmt sie ihm? Welche Art von (unbezahlter Care-)Arbeit macht der Mitarbeiter noch im Haushalt auf die es Rücksicht zu nehmen gilt?

Die neue (alte) vermischte Welt von Arbeit und Zuhause ist ein Spiel mit hohem Einsatz: Ist Arbeit wieder mehr in unser Leben eingebettet, kann sie unserer Entfremdung mit dem Job, die etwa durch die Phänomene Bullshit Jobs und Meaningless Work zu einem grassierenden gesundheitlichen und ökonomischen Problem wird, etwas entgegensetzen. Ist Arbeit wieder mehr in unser Leben eingebettet, kann sie aber auch den Unterschied zwischen Privatperson und Organisationsmitglied so weit aufheben, sodass wir merken werden, dass die verlorene räumliche Trennung auch eine Schutzfunktion hatte.

Dies ist ein keineswegs ein weiterer zivilisationskritischer Appel „die Krise als Chance zu begreifen“, nein, das sind einfach die Fragen, die sich am Tor zur neuen Arbeitswelt einfach stellen. Und es wäre gut in die neue Welt nicht so hineinzustolpern wie unsere Vorfahren in die der Fabriken.


Der Autor:

Hans Rusinek forscht an der Universität St. Gallen zum Wandel der Arbeit und ist Mitglied im Promotionskolleg Soziale Marktwirtschaft der Konrad-Adenauer-Stiftung. Davor war er erster Mitarbeiter und Associate Strategy Director der Purpose-Beratung der Boston Consulting Group, BrightHouse. An Debatten zwischen Wirtschaft und Gesellschaft beteiligt er sich etwa in BrandEins oder dem Deutschlandfunk. 2020 gewann er dafür den Förderpreis für Wirtschaftspublizistik der Ludwig-Erhard-Stiftung. Hans engagiert sich ehrenamtlich als Fellow im ThinkTank30 des Club of Rome. Er studierte VWL, Philosophie und Politik an der London School of Economics und in Bayreuth.

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