Interview mit Dr. Jens Braak, Physiker und Inhaber einer Unternehmensberatung, zum Thema „Zufall als Erfolgsfaktor“

In Serendipityby Christian Fleckl

„Wer den Zufall einlädt, öffnet dem Glück die Tür“

Der Zufall ist für Dr. Jens Braak ein entscheidender Teil beruflichen Erfolgs. Zwar lässt sich eine Chance auf glückliche Zufälle nicht quantifizieren. Das ist für ihn aber auch nicht entscheidend. Viel wichtiger ist, dass man das Glück einladen kann, wenn man sich des Zufallsfaktors bewusst ist. Für den Mystery Minds Blog haben wir den promovierten Physiker und erfolgreichen Unternehmensberater interviewt.


Herr Dr. Braak, hierzulande zielen Unternehmen häufig darauf ab, alle Prozesse von A bis Z durchzuplanen. Das gilt analog für Mitarbeiter im Hinblick auf die Karriere. Als Chaosforscher sagen Sie wiederum, alles sei Zufall. Lässt sich dieser Widerspruch auflösen?

Ja, mit einem beherzten „sowohl als auch“. Tatsächlich ist im Alltag eines Unternehmens und seiner Mitarbeiter vieles nicht planbar. Gerade heute, wo sich Rahmenbedingungen mit einer globalisierten und digitalisierten Wirtschaft gefühlt alle paar Minuten ändern, ist der Zufall immer stärker ein Teil des Spiels. Wenn es um die Karriere geht, wird das noch besser sichtbar, denn Können allein genügt schon längst nicht mehr, um erfolgreich zu sein. Wir können das Glück aber einladen, wenn wir uns des Zufallsfaktors bewusst sind. Oder umgekehrt: Wer den Zufall einlädt, öffnet dem Glück die Tür.

Was müssen wir dafür tun?

Zunächst ist es wichtig, dass wir uns von einem Szenario verabschieden, in dem wir alles für beherrschbar halten. Vielmehr ist es spannend, sich zu überlegen, in wie weit Erfolge auf Strategie beruhen – oder ob sie nicht tatsächlich auch von vielen kleinen, nicht planbaren Faktoren abhängen. In der Realität spielt zwar beides eine Rolle, der letztgenannte Faktor wird aber massiv unterschätzt. Ein gutes Beispiel sind die Suchmaschinen Yahoo und Google. Kleinigkeiten, ja Zufälle haben im Wettbewerb der beiden den Ausschlag gegeben für den heutigen Alphabet Konzern, der aus Google entstanden ist. Es hätte auch anders laufen können. Übrigens, wenn ich ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern darf: Wir haben bei uns im Beratungsgeschäft auch vieles im Trial-and-Error-Verfahren ausprobiert. Und sicherlich hin und wieder die nötige Prise Glück gehabt. Wir hatten stets die Maxime: Wenn wir eine lebendige Vielfalt erzeugen, wird sich das eine oder andere Pflänzchen durchsetzen.

Wie ist das im Kontext von Globalisierung und Digitalisierung zu betrachten?

Bei dieser Frage müssen wir als erstes verstehen, wie die Welt um uns herum heute funktioniert. Wo früher Innovationszyklen von vielleicht zehn oder 20 Jahren normal waren, werden heute ganze Produktlandschaften in kürzester Zeit umgekrempelt. Die besten Beispiele sind im Mobilfunk oder im Finanzbereich zu finden – selbst einige große Konzerne, die vor wenigen Jahren noch eine riesige Marktmacht hatten, sind kaum mehr von Bedeutung oder ganz von der Bildfläche verschwunden. Erfolgreich sind dagegen Unternehmen, die agil arbeiten und auf Veränderungen in kürzester Zeit reagieren können. Start-up-Mentalität ist gefragt, auch in Konzernen. Wir müssen schneller werden – und uns besser vernetzen.

Zusammenarbeit in Teams ist ja schon immer ein Thema. Was ist daran neu?

Klassische Teamarbeit führt genauso wenig zum Erfolg wie die Einzelkämpfer-Mentalität mancher Solopreneure. Denn der Einzelne steht heute auf verlorenem Posten. Worum es geht, sind Communities. Flexible, schnelle Netzwerke, innerhalb derer wir agieren und in denen wir uns organisieren. Auch innerhalb von Unternehmen und in Innovations-Projekten. Und ganz besonders für Führungskräfte und Manager – sie sind häufig in einer Machtblase gefangen, aus der sie raus müssen, wenn sie wirklich etwas bewegen möchten.

Was hat das mit dem glücklichen Zufall zu tun?

Früher wollten die meisten Menschen Unwägbarkeiten vermeiden – gerade für das Management waren sie ein Greul. Heute erkennen immer mehr Führungskräfte, dass sie von ihnen profitieren können. Alles passiert zufällig – und diejenigen haben die Nase vorn, die daraus resultierende Chancen am besten erkennen. Grundlage dafür ist das Zusammenkommen von Menschen. Wo mehrere Leute gute Ideen in den Ring werfen, kann Innovation entstehen. Oder wenn es um die Karriere geht: Der nächste Schub für die Laufbahn ist oft dort vorprogrammiert, wo man andere Menschen um sich hat, die einen fördern.

Viele Unternehmen fördern die Kreativität ihrer Mitarbeiter durch Ideenwettbewerbe. Wie bewerten Sie das?

Ich halte das für keine gute Idee. Denn Wettbewerb bedeutet immer, dass Menschen gegeneinander arbeiten. Das fördert die Kreativität nicht, sondern hemmt sie. Unternehmen sind erfolgreicher, wenn sie verschiedene Ideen kombinieren und dabei entstehende Chancen verfolgen. Ich sage bewusst ‚verfolgen‘ und nicht ‚nutzen‘, denn das letztere funktioniert eben nicht so einfach wie es klingt. Worauf es ankommt, ist eine genaue Beobachtung in Verbindung mit einer Neugiermentalität. Außerdem ein Training der eigenen Intuition und die Vernetzung mit einer Vielfalt von Menschen, die unterschiedliche Perspektiven und Kompetenzen einbringen. So kann man den glücklichen Zufällen auf die Sprünge helfen.