Arbeiten 4.0: Bedrohung für Angestellte oder grenzenloser Kreativraum?

In Innovation, Mitarbeiter-Vernetzung, Silodenken by Stefan Melbinger

Arbeiten 4.0: Bedrohung für Angestellte oder grenzenloser Kreativraum?

Big Data, Robotik, künstliche Intelligenz – diese Technologien haben das Potenzial, das Arbeitsleben von morgen nachhaltig zu verändern. Der Begriff Arbeiten 4.0 spielt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle. Wenn davon die Rede ist, befürchten manche einen massiven Verlust an Jobs. Andere freuen sich, dass einfache Tätigkeiten künftig automatisiert werden und Raum für kreative Aufgaben entsteht. Was ist Panikmache, was Wunschtraum – und was ist wirklich zu erwarten von der Arbeitswelt der Zukunft?

Mit Industrie 4.0 kommunizieren Maschinen, Geräte, Computer und Menschen über das Internet miteinander. Handlungen werden initiiert – ohne, dass dafür manuelles Zutun von Menschenhand notwendig wäre. Die Automatisierung erlaubt es, Prozesse „wie von selbst“ abzuwickeln*. Der Anfang vom Ende der Arbeit, wie zum Beispiel in TV-Talkshows regelmäßig verlautet?

Automatisierung – das Ende der Arbeit?

Tatsächlich hat die Digitalisierung eine disruptive Kraft: Technologien verändern Arbeit und Gesellschaft – und dieser Veränderungsprozess geht schneller vor sich als jeder andere in der Geschichte der Menschheit. So verlief etwa die Industrialisierung im Vergleich dazu in moderatem Tempo. Arbeitswelt und Gesellschaft müssen sich schnellstmöglich darauf einzustellen, sonst besteht die Gefahr eines „Clash of working cultures“.

Fließbandarbeit wird schon lange kaum mehr von Menschen erledigt. Aber auch Postboten, Pflegekräfte  und Taxifahrer werden bereits heute punktuell von Robotern ersetzt.  Hochqualifizierten Berufe geht es nicht besser. Ob Steuerberater, Anwalt oder Werbetexter: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis solche Berufe in erheblichem Umfang automatisiert werden.  Umso wichtiger ist es, die Zukunft heute zu planen.

Die Zukunft liegt in agilem, flexiblem und kreativem Arbeiten

Menschliche Arbeitskraft wird somit aus operativer Sicht an Bedeutung verlieren. Sie wird aber immer dann wichtig bleiben, wenn es um Wertschöpfung geht. Aus diesem Grund sind mit Arbeit 4.0 nicht in erster Linie Risiken für Beschäftigte verbunden, sondern auch zahlreiche Chancen.  „Wissensarbeiter“, also Experten und Spezialisten, die Prozesse planen und initiieren, werden immer stärker gefragter sein. Der Bedarf an kreativer und strategischer Arbeit steigt – und dieser Prozess ist bereits heute in vollem Gange. Dies bringt es mit sich, dass sich bislang vorhandene Strukturen auflösen werden – die tägliche Arbeit in Unternehmen wird flexibler und agiler.

Projekte über Abteilungs- und Unternehmensgrenzen hinweg

Die Zeit, in der jede Abteilung ihre eigenen Baustellen bearbeitet hat, ist vorbei. Heute gibt es kaum Projekte, die nicht abteilungsübergreifend verankert sind. Diese Entwicklung wird innerhalb der kommenden Jahre massiv an Dynamik zunehmen – Silodenken löst sich auf und Think Tanks entstehen. Dann arbeiten Experten aus verschiedenen Disziplinen gemeinsam an der Zukunft ihrer Branche. Auch an Unternehmensgrenzen macht Kollaboration nicht Halt. Dabei arbeiten nicht nur Konzerne mit Start-ups und dem Mittelstand zusammen, sie kooperieren verstärkt auch untereinander.

Gemeinsame Daten-Plattform vier deutscher Konzerne
Beispiel für eine gemeinsame Initiative von Konzernen ist die Datenallianz von Axel Springer, Daimler, Allianz und der Deutschen Bank: Deren Ziel ist es, mit einer übergreifenden Daten-Plattform gegen die Dominanz von US-Schwergewichten wie Google und Facebook anzukämpfen: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Deutsche-Konzerne-bauen-Datenplattform-gegen-Google-Co-3705594.html

Projektarbeit statt fester Teamstrukturen

Interdisziplinäre Projektteams im Digital Workplace ersetzen klassische Teamstrukturen. Dabei sind kreative Lösungen gefragt, die am schnellsten im Rahmen agilen Projektmanagements entstehen können. Unternehmen sind gut beraten, starre Strukturen bereits heute aufzulösen. Hier ist nicht unbedingt ein disruptiver Ansatz nötig – der Prozess kann evolutionär und damit stufenweise verlaufen. Ein wichtiger Baustein ist es dabei, Mitarbeiter aus verschiedenen Bereichen zu unterstützen, neue Kontakt zu knüpfen – zum Beispiel bei einem Mittagessen zwischen zwei per „Mystery Lunch“ einander zugelosten Kollegen.

 Bürogebäude als informeller Meeting Point

Arbeit im immer gleichen Rhythmus, zur gleichen Zeit am gleichen Ort: Dieses Szenario war einmal gängig, ist heute noch verbreitet – wird künftig jedoch immer mehr abgelöst von neuen Modellen. Projekte erfordern künftig in vielen Fällen keine zwingende Präsenz. Fast niemand geht noch jeden Tag an den gleichen Schreibtisch – vielmehr loggen sich Wissensarbeiter von unterschiedlichen Orten aus ins gemeinsame Netzwerk ein. Bürogebäude sind Meeting Points für Projektbeteiligte und bilden eine Schnittstelle zwischen virtueller und realer Welt. Experten aus verschiedenen Disziplinen tauschen wichtige Informationen in Kreativräumen außerhalb der Unternehmenswelt aus.

 Informationen auf 3D-Touchscreens ad hoc verfügbar

Routinearbeiten wie Suchen, Archivieren oder Dokumentieren waren schon immer lästig. Das Gleiche gilt für trockene Meetings und langweilige Folien. Künftig fällt beides weg – und das wird vermutlich niemanden stören. Sämtliche Informationen sind digitalisiert und damit auf einen Klick verfügbar. Und sie lassen sich äußerst anschaulich darstellen: Große Touchscreens, dreidimensionale Präsentationen und eingebundene Multi-Media-Elemente erlauben beispielsweise in Meetings einen wesentlich höheren Komfort und ein völlig verändertes Erlebnis. So entsteht Raum für Ideen und Innovationen.

 Lebenslanges Lernen als Schlüssel zum Erfolg

Eine wertschöpfende (Aus-)Bildung ist seit jeher ein wesentlicher Faktor, wenn es um Erfolg im Beruf geht. Das bleibt auch künftig so – jedoch wird sich der Fokus verschieben. Die Zeiten, in denen junge Menschen im strukturierten Rahmen eine Ausbildung oder ein Studium absolvieren, werden kürzer. Lernen und Weiterbilden verlagern sich immer mehr in Richtung „on the job“. Beschäftigte und freie Mitarbeiter aus verschiedenen Bereichen und Unternehmen lernen im Rahmen informellen Ideenaustauschs voneinander.

* Laut einer aktuellen Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) könnten bei „einfachen“ Helferberufen 58 Prozent der Tätigkeiten künftig von Maschinen übernommen werden, in Fachkraftberufen sind es mit 54 Prozent immer noch über die Hälfte aller Jobs. Selbst bei Spezialistenberufen (40 Prozent) und Expertenberufen (24 Prozent)ist ein erheblicher Anteil der heute Beschäftigten durch Computer ersetzbar. 

Nur die wenigsten Erwerbstätigen in Deutschland empfinden ihre aktuelle Arbeitssituation als ideal. Lediglich ein Fünftel der Befragten fühlt sich dem persönlichen Idealbild von Arbeit bereits nah. Knapp die Hälfte der Befragten sieht die eigene Arbeitssituation heute weit vom persönlichen Idealbild von Arbeit entfernt.

Der Blick auf die Zukunft ist dagegen optimistischer: Fast die Hälfte der Befragten erwartet, dass die eigene Arbeitssituation im Jahr 2030 nah an ihrem Idealbild liegen wird. Bezogen auf die Arbeitswelt in Deutschland im Jahr 2013 insgesamt, erwartet das noch jeder Vierte. Vor allem was Mitgestaltungs- und Entfaltungsmöglichkeiten anbelangt, haben die Erwerbstätigen in Deutschland durchaus positive Erwartungen an die Arbeitswelt von morgen.

Auszug aus: Studie „Wertewelten Arbeiten 4.0“ des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (2016)